Bienengesundheit

 

Seit Jahrhunderten stehen Bienenkästen im Dienste der Menschheit – ursprünglich einfache Holzbeuten, später verfeinert zu funktionalen Behausungen, die das Leben der Bienen schützen und zugleich die Honigernte sichern. Doch ein Bienenkasten ist mehr als nur ein Zuhause für Honigbienen: Er ist ein kleines Ökosystem, in dem eine Vielzahl von Mitbewohnern Platz findet.

Unter ihnen sind Mikroorganismen und Gliedertiere, die zum Teil still und unsichtbar wirken. Manche von ihnen sind nützlich, helfen dem Volk, gesund zu bleiben, oder unterstützen die Aufbereitung von Nahrung. Andere hingegen stellen eine Bedrohung dar und erfordern Wachsamkeit und Pflege seitens der Imkerinnen und Imker.

Jeder Bienenkasten erzählt so eine Geschichte von Zusammenleben, Anpassung und jahrhundertealter Zusammenarbeit zwischen Mensch und Natur. Er zeigt, dass das Bienenvolk niemals isoliert existiert – sondern eingebettet ist in ein Netzwerk aus Helfern, Gegenspielern und Mitbewohnern, die gemeinsam das Gleichgewicht im Stock bestimmen. Wer einen Bienenkasten betreut, wird Teil dieser faszinierenden Welt – einer Welt, die sich über Jahrtausende entwickelt hat und bis heute die Vielfalt und Kraft der Natur widerspiegelt.


- Gesund oder Krank - Eine Frage des Gleichgewichts


Ob ein Bienenvolk gesund oder krank ist, hängt weniger von äußeren Merkmalen ab als vom inneren Gleichgewicht: Von seiner Vitalität, seiner Widerstandskraft und seiner Fähigkeit, Infektionen abzuwehren. Entscheidend ist das Kräfteverhältnis zwischen dem Volk selbst und den Krankheitserregern, die ständig um Raum und Ressourcen kämpfen.

Gesundheit und Krankheit sind demnach keine absoluten Zustände, sondern ein dynamisches Zusammenspiel. Ein starkes, vitales Volk kann selbst unter Infektionsdruck bestehen, während ein geschwächtes Volk schnell unterliegt. Diese Perspektive zeigt, wie fein abgestimmt das Leben im Bienenstock ist – ein ständiges Gleichgewicht zwischen Kraft, Anpassung und der Natur, die das Bienenvolk umgibt.

Dazu die drei wichtigsten Lehrsätze zur Bienengesundheit.

“Gesund ist ein Bienenvolk immer dann, wenn es Aufgrund der eigenen Abwehrmechanismen dem fortwährenden Infektionsdruck von Krankheitserregern erfolgreich standhält und die Harmonie im Bienenvolk gewahrt bleibt.” (Dustmann J.H., in Pohl F., 1995)

“Gesund ist ein Bienenvolk, wenn es für längere Zeit aus eigener Kraft überleben, sich fortpflanzen und vermehren kann.” (Moosbeckhofer R. und Bretschko J., 1996)

“Ein Bienenvolk befindet sich nicht deshalb in schlechtem Zustand, weil die Bienen krank sind, sondern umgekehrt: Die Bienen sind krank, weil das Volk sich in einem schlechten Zustand befindet.” (Atkinson J., in Pohl F., 1995)



Bienenkrankheiten: biologisch gesehen

 

Das Bienenvolk ist in vielerlei Hinsicht besonders anfällig gegenüber Krankheiten. Es lebt in ortsfesten Nestern mit stabilem Mikroklima – hohe Temperatur und Luftfeuchtigkeit – und eine Vielzahl von Individuen teilt sich engen Raum. Der häufige Kontakt zwischen den Bienen eines Volkes sowie der Kontakt zu fremden Völkern durch Räuberei erhöhen die Risiken. Hinzu kommen die vielen Vorräte aus Wachs, Honig und Pollen sowie lange inaktive Phasen bei Trachtmangel oder im Winter.

Diese Bedingungen machen die Honigbiene anfällig für nahezu jede Gruppe von Krankheitserregern: Viren wie die Amerikanische und Europäische Faulbrut, Pilze wie Kalkbrut, Einzeller wie Nosematose, Milben wie die Varroa, und eine Vielzahl von Schädlingen – von harmlosen Mitessern bis zu wirtschaftlich bedeutsamen Wachsmotten.

 

Und doch hat die Honigbiene Jahrmillionen überdauert. Sie begegnet diesen Bedrohungen mit einem beeindruckenden Arsenal an Abwehrmechanismen: auf der Ebene einzelner Larven und Bienen durch anatomische, physiologische und verhaltensbedingte Maßnahmen – und auf der Ebene des gesamten Volkes durch soziale Organisation und koordiniertes Verhalten. Dieses fein abgestimmte Zusammenspiel macht das Bienenvolk zu einer widerstandsfähigen Gemeinschaft, die selbst unter ständigem Druck überlebt und gedeiht.

 


Durch die Imkerei wurden (und werden) jedoch neue Probleme geschaffen

 

Doch nicht nur die Natur stellt das Bienenvolk vor Herausforderungen: Auch die Imkerei selbst hat neue Probleme geschaffen. Hohe Bienendichten an besonders attraktiven Standorten, die Aufstellung an für Bienen ungeeigneten Orten oder weltweite Transporte von Bienenvölkern führen dazu, dass ursprünglich regional begrenzte Krankheiten verbreitet werden.

Zudem greifen Eingriffe in die natürliche Entwicklung der Völker – wie die Verhinderung des Schwärmens, gezielte Manipulationen oder die Bekämpfung von Krankheiten – in die natürliche Selektion ein. All diese Faktoren verändern das feine Gleichgewicht zwischen Bienen, Krankheitserregern und Umwelt.

 

Die Honigbiene beweist jedoch ihre Anpassungsfähigkeit: Trotz dieser zusätzlichen Belastungen, neben natürlichen und klimatischen Herausforderungen, hat sie über Jahrmillionen überlebt – dank ihrer sozialen Organisation, ihres Zusammenhalts und der Fähigkeit, sich ständig auf neue Bedingungen einzustellen.

 

Massnahmen der Imker für die Gesundheit der Bienenvölker

 

Das Ziel moderner, verantwortungsvoller Imkerei ist klar: die natürlichen Abwehrkräfte der Bienenvölker zu stärken. Gesunde Völker erkennt man nicht an einzelnen Zahlen, sondern am Leben im Stock – an einer guten Entwicklung, reger Sammeltätigkeit und intensivem Putzverhalten. In der Praxis spricht man von starken, vitalen Völkern, die den täglichen Herausforderungen gewachsen sind.

Ob ein Bienenvolk diese Vitalität entfalten kann, hängt von vielen Faktoren ab. Der Imker spielt dabei eine zentrale Rolle: durch die gewählte Betriebsweise, den Standort der Völker und eine gezielte Varroabekämpfung kann er die Entwicklung maßgeblich beeinflussen. Ein geschwächtes Volk lässt sich dabei nur selten allein durch den Austausch der Königin sanieren. Bewährt haben sich vielmehr natürliche Betriebsweisen, die auf regelmäßige Jungvolkbildung setzen. So wird gezielt auf Vitalitätsmerkmale wie einen ausgeprägten Putztrieb selektiert. Die Jungvölker dienen dazu, schwache Völker im Herbst oder Frühjahr zu ersetzen oder zu verstärken – und so die Gesamtvitalität des Bestandes zu sichern.

 

Von entscheidender Bedeutung für eine gute Volksentwicklung sind zudem die Bedingungen am Standort. Ein kontinuierlicher Futterstrom bildet die Grundlage für starke Populationen. Er hängt vom Klima und vom Angebot geeigneter Trachtpflanzen ab. In vielen Regionen lassen sich optimale Bedingungen heute nur noch durch Wanderung erreichen – ein weiterer Beleg dafür, wie eng das Wohl der Bienen mit der Gestaltung unserer Landschaft verbunden ist.

 

Nicht zuletzt muss die Varroapopulation durch ein bewährtes Bekämpfungskonzept dauerhaft unter der Schadenschwelle gehalten werden. Gelingt dieses Zusammenspiel aus Standortwahl, Betriebsweise und gezielter Krankheitskontrolle, können Bienenvölker ihre natürlichen Stärken entfalten – und bleiben das, was sie seit Jahrtausenden sind: widerstandsfähige, leistungsfähige Gemeinschaften im Dienst von Natur, Landwirtschaft und Mensch.

 

Ist dies nicht der Fall, können selbst leistungsfähige und ansonsten gesunde Bienenvölker innerhalb weniger Wochen zusammenbrechen. Deshalb zählt die kontinuierliche Überwachung der Varroapopulation zu den wichtigsten Maßnahmen in der Imkerei. Nur so lässt sich ein übermäßiger Anstieg rechtzeitig erkennen und gezielt gegensteuern.

Bewährte Bekämpfungskonzepte setzen auf ein abgestimmtes Vorgehen im Jahreslauf: Neben biotechnischen Maßnahmen im Frühjahr und Vorsommer wird nach der Honigernte die Milbenpopulation im Juli und August durch eine mehrwöchige Langzeitbehandlung mit organischen Säuren oder ätherischen Ölen deutlich reduziert. Sobald die Völker brutfrei sind, folgt im November eine weitere Behandlung, um verbliebene Milben zuverlässig zu erfassen.

 

Wird dieses Konzept konsequent umgesetzt, sind bis zum Abschluss der Honigernte im folgenden Jahr keine weiteren Eingriffe notwendig. So entsteht ein stabiles Gleichgewicht, das den Bienenvölkern ermöglicht, ihre natürliche Vitalität zu bewahren und ihre unverzichtbare Arbeit für Natur und Landwirtschaft dauerhaft zu leisten.

 


Die wichtigsten Bienenkrankheiten


Unter den zahlreichen Bienenkrankheiten nehmen zwei aufgrund ihrer biologischen und wirtschaftlichen Bedeutung eine Sonderstellung ein. An erster Stelle steht die Varroose: Nahezu alle Bienenvölker sind heute von der Varroa-Milbe befallen. Ohne regelmäßige und konsequente Bekämpfungsmaßnahmen gehen unbehandelte Völker unweigerlich ein. Die Varroabekämpfung ist damit kein optionaler Eingriff, sondern eine grundlegende Voraussetzung für das Überleben der Honigbiene in unserer Kulturlandschaft.

Ebenfalls von zentraler Bedeutung ist die Amerikanische Faulbrut. Diese hoch ansteckende bakterielle Erkrankung erfordert ein koordiniertes Vorgehen unter staatlicher Aufsicht. In solchen Fällen ordnet der Amtsveterinär die notwendigen Maßnahmen an und richtet Sperrbezirke ein, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Der Schutz der regionalen Imkerei steht dabei im Vordergrund.

Die übrigen Bienenkrankheiten gehören häufig zu den sogenannten „Faktorenkrankheiten“. Ihr klinischer Ausbruch wird durch ein Zusammenspiel mehrerer Einflüsse wie Standort, Klima, Trachtangebot und imkerliche Maßnahmen begünstigt. Sie treten meist periodisch auf und führen selten zu vollständigen Völkerverlusten, können jedoch dennoch erhebliche wirtschaftliche Schäden verursachen.

Ein zentraler Baustein im Umgang mit Bienenkrankheiten ist die Anzeigepflicht. Erkrankungen müssen dem Amtsveterinär gemeldet werden, der das weitere Vorgehen koordiniert. In der Praxis wird die Kontrolle teilweise an speziell geschulte Bienensachverständige der Imkerverbände übertragen. Dazu zählt unter anderem die Ausstellung von Wanderzeugnissen: Nur nachweislich faulbrutfreie Bienenvölker dürfen gewandert werden.

Derzeit unterliegen folgende Bienenkrankheiten der Anzeigepflicht:

  • die Amerikanische Faulbrut,

  • die Varroose (aufgrund der flächendeckenden Verbreitung ohne spezielle amtliche Einzelmaßnahmen),

  • die Acarapiose (Tracheenmilbe), bei der aktuell ebenfalls auf permanente Sondermaßnahmen verzichtet wird,

  • der Kleine Beutenkäfer (Aethina tumida) im Falle einer Einschleppung,

  • sowie die Tropilaelaps-Milbe (Tropilaelaps clarae) ebenfalls im Falle einer Einschleppung.

Diese Regelungen verdeutlichen, wie eng die Gesundheit der Bienenvölker mit verantwortungsbewusster Imkerei, fachlicher Kontrolle und regionaler Zusammenarbeit verbunden ist – zum Schutz der Bienen, der Imkereien und der gesamten landwirtschaftlichen Wertschöpfung.


Amerikanische Faulbrut - Die Sanierung obliegt den Veterinärbehörden im allgemeinen in Kooperation mit den Bienensachverständigen.

Download
Bienenseuchenverordnung.pdf
Adobe Acrobat Dokument 30.0 KB
Download
Amerikanische_Faulbrut_Merkblatt_2_Nov08
Adobe Acrobat Dokument 2.2 MB
Download
leitlinie afb_17-04-12 _2_x.pdf
Adobe Acrobat Dokument 246.9 KB


Vergiftungserscheinungen

Download
Antrag auf Untersuchung bei Bienenvergiftungen © Julius Kühn Institut JKI
Antrag Bienenvergiftungen 2008-04.pdf
Adobe Acrobat Dokument 22.7 KB
Download
Merkblatt für die Einsendung von Bienenproben © Julius Kühn Institut JKI
merkblatt_bienen 2008-04.pdf
Adobe Acrobat Dokument 20.9 KB


 

Für Beratungen bei anzeigepflichtigen Bienenkrankheiten sowie bei Verdacht auf Vergiftungen stehe ich Ihnen als ausgebildeter Bienensachverständiger jederzeit zur Verfügung. Ich unterstütze Imkerinnen und Imker fachkundig bei der Einschätzung von Befunden, der Einleitung notwendiger Maßnahmen und der Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden.